Die NWF

Auszug aus der FAZ vom 16.05.1989:

Hinweis: Das Urheberrecht der FAZ wird nicht berührt! Lesen Sie hierzu auch meine Ausführungen im Impressum.

Als die Fachzeitschrift Omnibus-Revue im Oktober 1950 den Stand des Omnibusbaus in Deutschland zusammenfasste, zählte die Redaktion genau 77 Unternehmen. Heute, knapp vier Jahrzehnte später, teilt sich noch nicht einmal ein halbes Dutzend Betriebe das Geschäft: Daimler-Benz, Drögmöller, Kässbohrer-Setra, MAN und Neoplan. Schon lange sind von den Strassen die Omnibusse der 50er Jahre verschwunden. Der Büssing-Trambus aus Braunschweig, der Henschel-Bimot aus Kassel, der Borgward-Frontlenker aus Bremen und gar der legendäre Krupp Titan mit seiner markanten Nasenbär-Schnauze und dem aggressiven Klang des schweren Sechszylinders.

Eher eine - wenngleich glänzende - Außenseiterrolle spielte der NWF-Schnellbus, der wegen seiner konsequent aerodynamischen Formgebung gern Zeppelinbus oder "Flugzeug der Landstrasse" genannt wurde. Sein futuristisches Blechkleid verblüfft noch heute.

Die Nordwestdeutsche Fahrzeugbau GmbH hatte ihren Sitz in Wilhelmshaven und begann 1946 zunächst mit der Produktion von Handwagen, Laster-Anhängern und -aufbauten in den ehemaligen Hallen des Marine-Artillerie-Depots Mariensiel. Im September 1948 kam ein geschäftlicher Kontakt zu den Kölner Ford-Werken (NWF erhielt einen Auftrag über 100 herkömmliche Busse auf Ford-Chassis) zustande. Dieses Geschäft brachte die Fahrzeugbauer von der Waterkant auf den Geschmack, und man beschloss, ein eigenes Bus-Erzeugnis zu bauen: den NWF-Schnellbus mit Ford-Aggregaten. Wesentliche Impulse für den Schnellbusbau in Wilhelmshaven gingen von dem Hubschrauberpionier und Flugzeugkonstrukteur Professor Heinrich Focke aus.

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Mit dem Bau des "Flugzeugs der Landstrasse" gehörte NWF auf einen Schlag zur Avantgarde der heimischen Omnibusproduzenten. Auf der Automobilausstellung im April 1951 in Frankfurt erregte die Konstruktion nach dem Fockeschen System größtes Aufsehen.

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Ein Jahr zuvor
(Anmerkung: gemeint ist 1953) waren aber schon die ersten Wermutstropfen auf den bis dato so kometenhaften Aufstieg des NWF-Omnibusbaus gefallen. Inzwischen trat nicht nur die wachsende Konkurrenz, vor allem Kässbohrer in Ulm und Krauss-Maffei in München, mit sebsttragenden Omnibus-Konstruktionen auf den Plan, auch der Ford-Hercules-Motor gab immer wieder Anlass zu harrschen Klagen der Kundschaft. In einigen Fällen sass die Maschine bereits nach 20 000 Kilometern fest. Das sprach sich schnell herum und schadete dem Ruf. Es kam zu einem Einbruch der Nachfrage. NWF suchte daraufhin eine Lizenz zum Bau des dreirädrigen Strassenflohs Fuldamobil - und rutschte noch weiter in die roten Zahlen. Anfang 1956 kam es zu ersten Massenentlassungen und schließlich zum Konkursantrag. Die bittere Folge: Beim Nordwestdeutschen Fahrzeugbau gingen unwiderruflich die Lichter aus ....

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